Musikalische Früherziehung (MFE) ist eine Unterrichtsform für Kinder im Vorschulalter (also Vier-, Fünf- oder Sechsjährige), die eine altersangemessene musikalische Erziehung in der Gruppe anbietet. Dabei sollen alle in Frage kommenden Aspekte einbezogen werden und die Kinder auf einen aktiven Umgang mit Musik vorbereitet werden.
Sie singen, musizieren auf elementaren Instrumenten, lernen traditionelle Instrumente kennen, setzen Musik in Bewegung und Tanz um, sie machen erste Erfahrungen mit der Musiklehre, hören Musikstücke verschiedener Stilrichtungen, begegnen Musik aus fernen Ländern und Kontinenten und malen dazu.
Bewegung ist für Kinder im Vorschulalter ein wesentliches Mittel, um sich selbst wahrzunehmen, sich auszudrücken, die Umwelt zu erforschen. In der MFE ist BEWEGUNG ein zentraler Unterrichtsinhalt, der bei der Entdeckung der Musik hilft.
Eine Bewegungsaufgabe der ersten Stunden in der MFE könnte so lauten: "Bewegt euch zur Musik und stoppt, wenn sie eine Pause macht." Schwieriger wird es dann schon, wenn sie sich wie die Musik bewegen sollen. Sie hören, ob die Musik sie hüpfen, schleichen oder sich drehen läßt. Sie erfassen die Musik mit dem ganzen Körper. Im Unterricht werden Anregungen gegeben, die Bewegungen zu differenzieren und das Bewegungsrepertoire zu erweitern. Die gefundenen Bewegungsabläufe können in eine kleine Tanzform einfließen. Tanzschritte, die von den Kindern selbst gefunden werden, werden auch viel besser erinnert, ohne, daß schulischer Drill notwendig wäre.
BEWEGUNG ist ein elementares Bedürfnis von Kindern und nimmt in der MFE viel Raum ein. Sie kann als Mittel zum Zweck eingesetzt werden, um z.B. das Tempo eines Musikstückes zu erfassen, sie ist aber auch ein eigenständiger Unterrichtsinhalt. Grob- und Feinmotorik, sowie die Unabhängigkeit der Hände werden im Spiel geschult.
Die Kinder experimentieren mit der Stimme, ahmen Geräusche und Tierstimmen nach, imitieren Instrumentalklänge und versuchen sich in der Phantasiesprache. Der Lehrer läßt spielerisch Stimmbildungsübungen einfließen und achtet dabei auf den behutsamen Umgang mit der Stimme.
Auch die gesprochene Sprache hat in der MFE einen hohen Stellenwert. Die Kinder beschreiben Gehörtes, Empfindungen und Erfindungen, sie einigen sich verbal über Spielabläufe und hören sich gegenseitig zu.
Die MFE bietet viele verschiedene Aufgabenstellungen an, wie die Hörkonzentration der Kinder gezielt gefördert werden kann, z.B. erfassen sie über die Bewegung Tempo, Dynamik, Formteile und den Charakter der Musik. Andere Musikstücke erzählen klangmalerisch kleine Geschichten. Die Kinder erzählen dazu oder malen ihre Eindrücke auf. Die Auswahl der Stücke zeigt eine große Vielfalt, so lernen die Kinder klassische Musik aus mehreren Epochen, aber auch Musik fremder Kulturen, sowie moderne Musik, wie Jazz, Pop und Latin kennen. Über diese Fülle von Hörbeispielen erfahren die Kinder auch Einiges über verschiedene Musikinstrumente, über eher geläufige, aber auch über "exotische". Meist können die Kinder diese auch ausprobieren und versuchen, darauf Töne zu erzeugen.
Hierzu gehören Fellinstrumente wie Trommeln aller Art (Handtrommeln, Pauken, große Trommeln, Bongos etc.). Das "Metall" ist vertreten durch Becken verschiedener Größen, Cymbeln, Triangeln und Gong. Blasinstrumente, die sich für die MFE eignen, sind Lotusflöten, Blockflötenköpfe und Kazoos. Kurze trockene Holzklänge werden mit Klanghölzern, Holzblock- und Röhrentrommeln erzeugt.
Stabspiele, wie Xylophone, Metallophone, bzw. einzelne Bausteine derer werden eingesetzt. Das kleine Glockenspiel erweist sich als nicht günstig, da es großer Geschicklichkeit bedarf, gezielt bestimmte Töne zu treffen.
Die Form des Einsatzes des elementaren Instrumentariums ist die Liedbegleitung. Zu Beginn geht es erst einmal darum, die Instrumente kennenzulernen und auszuprobieren. Kleine Verse oder Geschichten werden verklanglicht, Bewegungen begleitet, einfache Rhythmen eines Abzählreimes auf Instrumente übertragen. Allmählich können Stücke selbst erfunden und Klangpartituren abgespielt werden.
Die Erfahrung mit selbst gefundenen graphischen Zeichen, die Tonhöhen, -dauern und Lautstärke bezeichnen, erleichtert das Verständnis für vorgegebene graphische Partituren und bahnt den Weg zur traditionellen Notation an. Die Kinder werden im Zusammenhang mit Hörbeispielen auch mal mit einem Notenbild konfrontiert, aber es geht dabei nicht um "Notenlesen", sondern um das Erfassen der Zusammenhänge zwischen Hörbarem und Sichtbarem.
Die musikalische Notation verlangt von Kindern im Vorschulalter einen Grad von Abstraktion, der ihrem Alter unangemessen ist. Es gibt gute Gründe, warum Kinder erst mit sechs bis sieben Jahren ganz allmählich das Lesen und Schreiben verbaler Sprache lernen. Warum sollten sie bereits zwei Jahre früher Noten lesen lernen? Eine Vorbereitung auf die Notation ist durchaus sinnvoll, denn Kinder setzen gerne Erlebtes in Gemaltes um. Wenn sie das, was sie hören, bildlich darstellen, wenn sie Elemente der Musik wie hoch-tief, hell-dunkel, laut-leise, hart-weich, lang-kurz usw. hörend differenzieren und anschließend aufmalen, so ist dies sowohl dem Alter der Kinder gemäß, als auch aus rein fachlich-musikalischer Hinsicht sinnvoll und wird ihnen das Erlernen der Noten in späterem Alter erheblich erleichtern.
Kann nicht der Kindergarten die Aufgaben der MFE übernehmen? Die Antwort lautet: In der Regel nein! Musik ist nur eines der vielen Fächer der Erzieherausbildung, die musikpädagogische Qualifikation von ErzieherInnen ist nicht annähernd vergleichbar mit der von ausgebildeten Früherziehungslehrern.
Trotzdem sollte man die Möglichkeiten von Erzieher/innen im Kindergartenalltag nicht unterschätzen. Deren große Chance liegt darin, Musik in das tägliche Leben der Kinder zu integrieren, z.B. durch tägliches Singen oder indem sie klingende Materialien zur Verfügung stellen und elementare Instrumente in Kindergeburtstage, Theaterstücke und andere Feste einbeziehen, indem sie Gelegenheiten bieten, sich zur Musik zu bewegen oder zur Bewegung zu musizieren. Zur wirklich fachgerechten Betreuung der Kinder ist allerdings eine viel breitere und fundiertere Fachausbildung notwendig. Schon der Umgang mit der Kinderstimme erfordert bestimmtes Fachwissen, ebenso die differenzierte Handhabung des Instrumentariums und der musikalischen Gestaltungselemente. Nicht zuletzt sind MFE-Lehrer eher in der Lage, besondere Begabungen oder Defizite zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren.
Aus all diesen Gründen sind es auch häufig die Erzieher/innen selbst, die die Initiative ergreifen, einmal wöchentlich eine Fachkraft mit der MFE zu beauftragen, sei dies im eigenen Kindergarten oder in der Musikschule. Im optimalen Fall nehmen die ErzieherInnen an diesem Unterricht teil und setzen in Absprache mit dem MFE-Lehrer Lieder und Spielideen in der eigenen Kindergartenarbeit fort. So können sich ErzieherInnen und MFE-Lehrer ideal ergänzen.